/ Oktober 3, 2019/ Erlebnisberichte

“Wenn Opfer mit ihrem Erlebten allein gelassen werden, weil die Vorstellungskraft des Zuhörers das nicht erfassen kann. Sind dann noch irgendwelche Verbindungen vom Zuhörer zu den (Mit)Tätern, wird häufig durch Scham sogar eine Gegengeschichte erfunden.”

Andreas war in einem Verschickungsheim. Für ihn lief es da “nicht so gut”. Unter den heutigen Erkenntnissen gehört er zu den vielen traumatisierten Kindern, die dort Unsagbares erdulden mussten.

“Verschickung” war für seine Eltern eine Möglichkeit, aus dem Stress des Alltags auszusteigen – Pause zu machen.

Wir sprechen über eine Generation, die als direkte Nachkriegskinder des 2. Weltkriegs in den Wirtschaftsboom hineingeboren wurden. Die neue Welt konnte mit eigenen Augen wie Phönix aus der Asche betrachtet werden. Der Materialismus breitete sich aus. Wer viel arbeitet kann sich viel leisten. Diese Prämisse wurde bei vielen 1930-1950 Gebohrenen zum Lebensinhalt. Es gab auch nicht viel Anderes.

Selbst noch traumatisiert vom Krieg, zersplitterte Familien, teilweise nur noch aus Müttern bestehend oder wenn, dann stumme Männer, die es zB. aus Russland zurück geschafft haben oder sonst wie dem Tod entronnen sind, bekamen ein sehr pragmatisches und schräges Bild von “Familie”, “soziales Gefüge” und eben auch von der Kindererziehung.

Die Eltern von Andreas lernten sich auf einer Party kennen und alles nahm seinen Lauf. Verhütung kannten sie nicht und vielleicht war tatsächlich der vage Wunsch, den Aufschwung mit einer kleinen eigenen Familie rund zu machen auch da. Letztlich waren beide 17 und 18. Und das sorgte zuhause für ordentlich Ärger.

Die Eltern von Andreas Mutter waren außer sich, als sie von der Schwangerschaft erfuhren. Der Vater seiner Mutter jagte sie durch die gesamte Wohnung und schlug ihr schließlich heftig ins Gesicht, so das Nasenbluten und ein Veilchen die gerechte Strafe darstellen sollten. Zur damaligen Zeit war das wohl absolut üblich.

Andreas Vater hatte seinerseits nur einen grimmigen alten Mann als Vater, der als selbstständiger Dachdecker mit der Welt abgeschlossen hatte. Er kannte weder Skrupel, Scham noch irgendwelche moralischen Grenzen. Die Lebensgeschichte des Vaters ist ein eigenes Buchfüllendes Thema über Kindesmisshandlung par excellence, welches hier den Rahmen sprengen würde. Zudem war der Vater verbittert, darüber das er nie erfolgreich genug war, um seine Unternehmerexistenz auf einen grünen Zweig zu bringen. Er war mehrfach verehelicht, jagte durch sein rabiates Verhalten jedoch alle Partnerinnen wieder davon.

Letztlich, Anbetracht dieser Ressourcen kann sich der Leser ein ungefähres Bild davon machen, welche soziale Kompetenz dann für die Entwicklung von Andreas zur Verfügung stand.

Andreas war anfangs kein Einzelkind. Er hatte einen 1½ Jahre jüngeren Bruder. Zum Zeitpunkt der Trennung mit nachfolgender Scheidung hat er dies begriffen. Andreas wusste also, das er einen Bruder hat. Seine Eltern dachten damals, es wäre ein guter Plan, die Geschwister zu trennen, und jedem Elternteil eines in die Obhut zu geben. Andreas blieb später bei der Mutter.

Der Zeitpunkt, als Andreas das erste mal in ein Kinderkurheim verschickt wurde, war zum Beginn der Eskalation der Familienkrise. Als seine Eltern nicht mehr in der Lage waren, die Ehe aufrecht zu erhalten, auch gewalttätige Streitereien zur Regelmäßigkeit wurden, der natürliche Bedarf der Kinder nach Aufmerksamkeit, Nähe und Zuneigung mit Stress, Wut, Zorn beantwortet wurden.
Genau zu dieser Zeit wurde Andreas das erste mal verschickt. Seinerseits nicht weil er zu dünn, zu dick oder sonstwie körperlich auffiel, sondern weil er bereits als Verhaltensauffällig galt.
Er war der “Ältere”. Er war 4 Jahre alt. Er war ein agiles Kind. Er war äußerst neugierig, aktiv und witzig.

Als Andreas von der ersten Verschickung zurück kam, erzählte er von dem Erlebten. Zögerlich. Denn er fühlte sich damals schon schuldig an den Streitereien.

Er erinnert sich heute noch an eine Tracht Prügel seines Vaters, als dieser ihn im Kinderbettchen an den Füßen hoch haltend den Hintern versohlte. Ursächlich war ein umgekipptes Glas im Wohnzimmer, welches Andreas nicht anfassen sollte. Irgendeine typische Situation, in der ein Kind das “Nein” der Eltern mal ausreizt. Er wurde dann vom Vater umgehend ins Bett gesteckt. Andreas fühlte sich ungerecht behandelt und weinte. Da er mit dem Weinen nicht aufhörte, kam sein Vater nach einer Weile dann herein und sorgte mit dem “Hintern voll” für Ruhe.

Andreas erzählte zögerlich von der Verschickung. Das er sein Erbrochenes aufessen musste. Das er nicht aufs Klo durfte als er musste. “Ach so schlimm wird das schon nicht gewesen sein!
Er erzählte über Situationen, was anderen Kindern passiert ist um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Andere Kinder mussten Nachts im Flur stehen, mit eingenässten Schlafanzügen, Daumenlutschern wurden die Hände an das Bettgestell geschnallt. “Du erzählst doch wieder Geschichten. Du hast eine blühende Phantasie!

Andreas erzählte nur von den Situationen, die für ihn extremer waren, als er es von zuhause gewohnt war.

Ein verhaltensauffälliges Kind, in der heutigen Zeit sehr schnell mit dem Prädikat ADS versehen, versucht sich Gehör zu verschaffen und wird von den eigenen Eltern nicht ernst genommen.
Mehr noch. Im darauf folgenden Jahr entwickelte auch sein jüngerer Bruder Verhaltensauffälligkeiten. Nun wurden beide verschickt.

Die Jungs wurden jedoch in getrennten Gruppen untergebracht. So dass Andreas lediglich grob wahrnehmen konnte, was mit den Kindern in der Gruppe seines Bruders geschah. Sein Bruder nässte sich damals schon zuhause ein und kaute Fingernägel. Außerdem war er mit seinem eigenen Erlebten wieder genug beschäftigt.
(Aus heutiger Sicht sind Vermutungen, wie es ihm wohl ergangen ist, düster auszumalen. Sein Bruder spricht heute immer noch nicht über die Verschickung. Erinnern kann er sich, doch diese Dose der Pandora bleibt für ihn versiegelt.)

Andreas erinnert sich von der zweiten Verschickung lediglich noch an ein Paket, was er von der Großmutter bekam, welches unter den Kindern aufgeteilt wurde und er nur noch den leeren Karton bekam.

Heute, 2019 erzählte Andreas seiner Tante, die Schwester seiner Mutter die inzwischen gestorben ist, von seiner Aktivität in der Initiative “Verschickungsheime“. Auch in der Hoffnung etwas über den damaligen Aufenthaltsort, über die Außenwahrnehmung zu seinem Erlebten zu erfahren.
Erschreckend die Antwort:
Also.. DAS hat mir Deine Mutter niemals erzählt. Du bist gar nicht verschickt worden. Wie kommst Du denn DA drauf?!” – Stille am Telefon… Wut, erneute Verletzung, als Lügner hingestellt zu werden, mit einer Überzeugung die einfach nur noch mit “Es kann nicht sein, was nicht sein darf” zu beantworten ist.

Andreas wechselt wieder einmal das Thema, um diesem verletzenden Gefühl nicht wahrgenommen zu werden, zu entgehen.

Dies ist eine Verlaufsgeschichte eines Betroffenen, welche grundsätzlich als eine der Gründe gilt, weshalb das Aufarbeiten für Betroffene so unsagbar schwierig ist.

Die Betroffenen leben mit dem Erlebten, dissoziiert, an der eigenen Wahrnehmung zweifelnd, im Stillen isoliert und fühlen sich getrennt vom “letzten Guten” in der Welt. Wenn schon die Unterstützung in der eigenen Familie nicht vorhanden ist, wie soll ich das dann anderen erzählen. Die sich daraus entwickelnde Symptom-Palette wird die Menschen im Laufe ihres Lebens zusätzlich in wichtigen Situationen scheitern lassen.

Sehr viele Betroffene berichten darüber, dass die Auswirkungen der Erlebnisse in Verschickungsheimen ihren beruflichen Werdegang, ihre eigenen sozialen Kompetenzen, ihre Möglichkeiten in der Welt ihren Platz zu finden massiv beeinträchtigt haben.

Andere haben daraus dann bewusst den Weg gewählt, zum Beispiel einen Beruf zu wählen, der in sozialen, juristischen, medizinischen oder psychologischen Bereichen den Fokus darauf hält, soetwas Kindern nie wieder zumuten lassen zu müssen, zumindest ein Bindeglied aus der surrealen Welt des Traumas ins Heute zu ermöglichen.

Aufrufe: 43

Share this Post